Wann paßt ein Sattel?

Was brauchen Mensch und Pferd so alles
Mai 2011 21 00:17

Wann paßt ein Sattel?

Beitrag von John Dear

Da ich ja im vorherigen Leben, bevor ich Mistboy wurde, als Sattelschlepper unterwegs war wurde ich "gebeten" ein wenig zu dem Thema "Wann paßt ein Sattel" zu schreiben.

Das Thema ist eigentlich viel zu komplex ist, um in einem Forum bis ins kleinste Detail erklärt zu werden. Und es erfordert noch eine Menge Gefühl und Erfahrung. Dieser Beitrag soll also nur eine kleine Hilfe sein und nicht den Termin beim Sattelhändler Eures Vertrauens ersetzen.



Grundsätzlich spielen mehrere Faktoren in die Passform eines Sattels. Es gibt aber ein paar Punkte, die man relativ einfach abchecken kann um dem passenden Sattel einen Schritt näher zu kommen.

Vorab ist zu sagen, dass der für die Passform ausschlaggebende Teil eines Westernsattels der sogenannte Baum ist. Dieser kann klassisch aus Holz bestehen, welches mit Fiberglas oder noch besser mit Rohhaut überzogen ist oder wie in jüngerer Zeit immer häufiger aus Kunststoff. Zum einen gibt es hier die starre, günstigere Variante (sog. Ralide-Bäume) und die relativ beliebte flexible, bewegliche Variante (Equiflex).

Der Baum sollte von seiner Form her so weit wie nur möglich mit dem Rücken des Pferdes übereinstimmen. Er sollte richtig gewinkelt sein, keine Brücke bauen, nicht schaukeln und nicht zu lang sein.

Da man selten die Möglichkeit hat, den nackten Baum auf das Pferd zu legen, muss man zur Kontrolle natürlich den fertigen Sattel aufs Pferd legen. Bevor nun irgendetwas über die Passform gesagt werden kann, muss der Sattel in der richtigen Position liegen. Nicht zu weit vorne und natürlich auch nicht zu weit hinten. Die vorderen Baumenden (oder Barspitzen, relativ gut zu erfühlen und in etwa dam wo die erste Concha sitzt) sollte hinter dem Schulterblatt des Pferdes zum liegen kommen. Liegt er zu weit vorne, kann er die Schulter des Pferdes blockieren.

Eine gute Möglichkeit, die richtige Position zu finden ist übrigens, den Sattel locker aufs Pferd zu legen (geht mit oder ohne Pad) und einfach ein wenig am Horn zu "ruppeln". Dann rutscht er schon fast von allein in die richtige Position.

Damit das Posting nicht zu lang wird, werde ich es einfach unterteilen.

Ende Teil 1. Im Teil 2 gehts endlich um die Passform
Zuletzt geändert von John Dear am 21. Mai 2011, 00:23, insgesamt 2-mal geändert.
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John Dear
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Mai 2011 21 01:07

Wann paßt ein Sattel? Teil 2

Beitrag von John Dear

Beginnen wir also vorne an der Schulter.

Die Hersteller gehen davon aus, das mit zunehmender Breite des Pferdes die Winkelung der Schulter flacher wird. Das heißt ein sehr schmales Pferd hat eine sehr steile - also gerade stehende - Schulter und ein kräftigeres Pferd hat eine eher flacher stehende Schulter. Die Winkelung der Schulter sieht man eigentlich recht gut, wenn man sich frontal vor das Pferd stellt. Dementsprechend ist ein Semiquarter-Baum (schmal) sehr steil gestellt und ein X-Full-Quarter- Baum recht flach.

Was ich also sehen muss, ist ob die Winkelung des Baumes zur Winkelung der Schulter paßt. Der Sattel sollte im besten Fall über die komplette Fläche paralel zur Schulter laufen.Zumindest aber in dem Bereich in dem der Baum sitzt, sollte das der Fall sein.

Probleme die auftauchen können:

Lege ich einen zu flachen Baum auf eine steile Schulter, wird er irgendwo auf der Schulter aufliegen und punktuellen Druck ausüben (meistens da wo die Concha sitzt) und der Rest wird frei sein und der Baum trägt dort nicht mehr. Ein falsch gewinkelter Baum/punktueller Druck wird über kurz oder lang den Muskel beinflussen. Es entstehen diese unschönen Löcher hinter dem Schulterblatt, da der Muskel dort atrophiert. Umgekehrt übt ein zu steiler Baum auch Druck an der falschen Stelle aus.

Problematisch kann es werden, wenn ich z.B. vollblütige Pferde wie manche Araber habe, die zwar eine sehr steile Schulter haben, aber im "weiteren Verlauf" des Körpers recht kräftig gebaut sind. Da würde z.B. ein Semiquarter von der Schulter her passen (ein FQ wäre zu flach) und der FQ-Baum paßt am Rücken. Für diesen Fall gibt es bei einigen Herstellern bestimmte Abwandlungen der normalen Bäume.

Der Schwung und die Drehung

In der Fachsprache auch Rock und Twist genannt.

Wie schon zuvor gesagt, soll der Baum über die gesamte Länge des Rückens aufliegen. Er darf keinen Punkt haben, wo er wippt oder rollt und er darf auch keine Brücke bilden, also irgendwo hohl liegen (zu viel oder zu wenig Rock). Auch muss die Winkelung/Drehung der Bars richtig sein. Sie dürfen nicht zu sehr gekippt sein, da sie sonst schmerzhaft auf die Rippen drücken können (zu viel Twist).

Das Wippen findet man relativ leicht heraus, indem man einfach abwechselnd auf Horn und Cantle drückt. Er darf dann nicht Schaukeln. Für die eventuelle Brückenbildung muss man schon seine Hände und Arme bemühen und in den Wirbelsäulenkanal hineinfühlen. Sollte er eine Brücke bilden, liegt der Sattel/Baum nur auf der Schulter und dem höchstempfindlichen Lendenwirbelbereich auf, was für's Pferd sehr unangenehm ist.

Die Länge

Nun kommen wir zu einem Punkt, bei dem sich Sattelhändler und Physios gerne streiten. Die Länge des Sattels. Auch hier bemühen wir zur Feststellung der richtigen Länge die praktischen Conchas die am Sattel befestigt sind. In diesem Fall die hintere, die in etwa das Ende des Baumes kennzeichnet.

Diese Barenden (auch hier ist wieder der Baum ausschlaggebend, nicht das Leder drum herum) sollten nicht über die letzte Rippe des Pferdes hinausgehen, da sie sonst in den Lendenwirbelbereich hineinreichen. Auch sollten die Enden des Baumes der Rückenform angeglichen sein (z. B. bei überbauten Pferd ebenfalls leicht nach oben geschwungen).

Ende Teil 2
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John Dear
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Mai 2011 21 01:29

Wann paßt ein Sattel? Teil 3

Beitrag von John Dear

Ein paar Dinge, die gerne mißverstanden werden.

1. Das "damussnochHanddrunterdurchpassen-Syndrom"

Viele Kollegen verkaufen einen Sattel gerne über die sogenannte Schulterfreiheit. Ganz nach dem Motto: Guck mal, da kannste noch richtig schön mit der Hand drunter her gehen.

NEIN, ES MUSS KEINE HAND MEHR DRUNTER HER GEHEN!!! Beim gegurteten Sattel muss der Baum mit gleichmäßigem Druck komplett aufliegen! Tut er das nicht, paßt er nicht. Die benötigte Schulterfreiheit erhält das Pferd durch die Bewgung und die Rotation des Schulterblattes.

Ihr könnt das gut vom Boden aus testen, indem ihr die Hand auf Höhe der Schulter unter den Sattel schiebt und fühlt, wie sich das Schulterblatt frei darunter bewegt.

2. Zu eng und doch zu breit?!Hört sich komisch an, ist aber so.

Ein Sattel der zu breit ist, scheint erst mal zu eng zu sein, da er zu tief auf die Schulter runterfällt und sie blockiert. Übe ich nun Druck auf das Horn aus und simuliere das gurten auf diese Weise, kippt der Sattel hinten hoch. Wenn ich nun das Horn nach hinten ziehe, rutsch der Dattel nach hinten und ich kann ihn fast nach hinten durchziehen. Auch steht die Sitzfläche in einem falschen Winkel und man hat das Gefühl, ständig nach vorne zu kippen.

Die Reaktionen, die Pferd unter einem viel zu breiten Sattel zeigen sind z. B. gerne das fallenlassen der Schulter und das reinkippen in den Zirkel.

So, ich hoffe ich konnte Euch einen kleinen Einblick gewären. Der Artikel erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
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John Dear
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Mai 2011 22 12:03

Wann paßt ein Sattel?

Beitrag von Chayman

Boah Olli super Infos, da müßen wohl so manche Leute etwas umdenken :gut1:
Wenn ich lernen wollte, mich mit meinem Pferd zu verständigen, sollte
ich damit anfangen, mein Pferd zu fragen, nicht irgendeinen Zweibeiner.
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Mai 2011 22 20:00

Wann paßt ein Sattel? Teil 3

Beitrag von Lotus

John Dear hat geschrieben:Ein paar Dinge, die gerne mißverstanden werden.

1. Das "damussnochHanddrunterdurchpassen-Syndrom"

Viele Kollegen verkaufen einen Sattel gerne über die sogenannte Schulterfreiheit. Ganz nach dem Motto: Guck mal, da kannste noch richtig schön mit der Hand drunter her gehen.

NEIN, ES MUSS KEINE HAND MEHR DRUNTER HER GEHEN!!! Beim gegurteten Sattel muss der Baum mit gleichmäßigem Druck komplett aufliegen! Tut er das nicht, paßt er nicht. Die benötigte Schulterfreiheit erhält das Pferd durch die Bewgung und die Rotation des Schulterblattes.

Ihr könnt das gut vom Boden aus testen, indem ihr die Hand auf Höhe der Schulter unter den Sattel schiebt und fühlt, wie sich das Schulterblatt frei darunter bewegt.


Danke, danke, danke, danke, dass du das auch extra erwähnt hast!!!! Wieviele Diskussionen hatte ich deswegen schon bei meinem Sattel und die Leute wollten mich nicht verstehen :beten:
Liebe Grüße, Lotus



Alles, was mich nicht umbringt, macht mich nur härter!!!
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Wann paßt ein Sattel?

Beitrag von Nashra

Dein ehemaliger Co-Sattelschlepper wollte mir das damals auch so verklickern :-
Aber ich muß auch sagen das er danach gesehen hat ob der Sattel gleichmäßig liegt
wenn gegurtet ist usw. wie du geschrieben hast.
„Die Kunst ist nicht, zu wissen wie man Sporen benutzt.
Die Kunst ist, zu wissen wie man ohne sie auskommt.“

Tom Dorrance, 1910 - 2003
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Mai 2011 22 22:17

Wann paßt ein Sattel? Teil 3

Beitrag von John Dear

Lotus hat geschrieben:Danke, danke, danke, danke, dass du das auch extra erwähnt hast!!!! Wieviele Diskussionen hatte ich deswegen schon bei meinem Sattel und die Leute wollten mich nicht verstehen :beten:


Gerne, gerne, gerne. Leider verstehen das wirklich viele Leute nicht und viele meiner Ex-Kollegen propagieren das auch so. Keine Ahnung warum.

@Nashra

Co-Sattelschlepper... :kaputtlach:
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Mai 2011 23 00:55

Wann paßt ein Sattel?

Beitrag von Mona

Richtig interessant und gut geschrieben!
Interessant auch, was ich schon wusste, obwohl ich noch nie nen Sattel gekauft habe :D
Trotzdem würde mir das niemals nen Termin bei nem "richtigen" Fachmann ersetzen... Gibt ja leider genug, die es lieber günstig oder schick statt gut und passend haben zu wollen.
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Mai 2011 23 11:51

Wann paßt ein Sattel?

Beitrag von John Dear

Was auch oft ein großes Problem ist, ist das viele Leute eine völlig falsche Vorstellung und Einschätzung von ihrem Pferd haben. Wenn man so ein paar Daten abfragst - also wie groß, breit oder schmal, Rückenform gerade oder geschwungen - und sich hinterher die Pferde anschaut, fragt man sich oft, welches Pferd die Besitzer denn da beschrieben haben.

Dann aber einen Sattel bei Ebay kaufen, nur weil irgendwelche Centimeterangaben dran stehen. Das kann eigentlich nur in die Hose gehen.
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Mai 2011 25 21:08

Wann paßt ein Sattel?

Beitrag von Chayman

Tja da hatten wir mal eine Bekannte, die hatte in einer kurzen Zeit minigens 8 Sättel ersteigert und keiner passte und das für einen Traber mit hohem Widerrist , voll Hohl sag ich da nur :knall: :vogel:
Wenn ich lernen wollte, mich mit meinem Pferd zu verständigen, sollte
ich damit anfangen, mein Pferd zu fragen, nicht irgendeinen Zweibeiner.
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